Michael Sommer - Ein Mann für jede Jahreszeit!


1822 steht es um die Schuljugend in Schrobenhausen nicht zum Besten. Es kam amtlicherseits zu Klagen, „...dass bei der Schuljugend, zumal der feiertagsschulpflichtigen, Zügellosigkeit, Grobheit, Geringachtung der Eltern und Vorgesetzten, Spott über Ermahnungen und Zurechtweisungen, Geringschätzung und Verachtung des Alters, Raufereien p.p. zur Tagesordnung werden.“ Als dann auch noch die „Unsittlichkeiten immer mehr überhand nahmen“ , schlägt die Stunde des frisch gebackenen Lehrers Michael Sommer, der am 8. Oktober 1822 der hiesigen Volksschule zugeteilt wird.

Mit welchen „Subjekten“ er es damals zu tun hatte, zeigt eine kleine Auswahl von Schülerbeurteilungen aus den Censurbüchern der 20-er Jahre:

„Vor Schmutz und Unreinlichkeit ist kaum seine wahre Gesichtsfarbe zu entdecken“
      Johann Fidel, Strickerssohn

„Selbst nicht geschwind gehen kann sie, indem bey jedem Tritte sie zu überdenken scheint, ob wohl dem Boden zu trauen sey.“
      Agatha Wurzer, Taglöhnerstochter

„Ein komischer Name, welcher aber nicht gänzlich des Subject, welches diesen führt, verfehlt hat.“
      Susanna Klotz, Bräuerstochter

„Nach 20 Jahren noch Nachtheil für den Lehrer, wenn gesagt wird, dieses Mädchen besuchte in den 20-er Jahren Schrobenhausens Schule.“
      Josepha Bogenstaedter, Bauerntochter

Mehr als genug Arbeit also für Michael Sommer. Zusammen mit einem zweiten Lehrer ist er für die Unterrichtung von 126 Knaben sowie 127 Mädchen der Werktagsschule sowie etwa 160 Sonntagsschüler und -schülerinnen verantwortlich.

Im Jahre 1800 in Au bei Illertissen geboren, hatte er vier Jahre vor seiner Versetzung nach Schrobenhausen seine Prüfung als Lehrer mit der Note „vorzüglich“ und als Bester unter 61 Mitprüflingen bestanden. Schulgehilfe Sommer geht sogleich an die Arbeit. Er verkörpert für die damalige Zeit einen neuen Lehrertyp, der sich auch außerhalb der Schule erheblich engagiert.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte die Stadtbefestigung mit Mauer, Türmen, Wall und Graben seine militärische Schutzfunktion schon lange verloren. Der Wall war in weiten Teilen verflacht. Zusammen mit dem kgl. Oberleutnant und Aufschlags(steuer)einnehmer F. Högele geht Michael Sommer die Erhöhung des Restwalls und seine Bepflanzung mit Bäumen und Sträuchern an und gibt ihm so seine noch heute bestehende Form. Er beteiligt damals tatkräftig im Rahmen eines Schulfestes auch seine Schulkinder:

„Jeder bekam Arbeit: Einsetzen – Wasser holen – Begießen – Gesträuche und Bäumchen tragen; und nur wer Augenzeuge war, hat ächten Begriff, von der unermüdlichen Thätigkeit und Freude der kleinen Helfer.“

Heute würde man dieses Vorhaben als modernen Projektunterricht mit gelungener Motivierung aller Beteiligten bezeichnen.

Michael Sommer beweist auch in den folgenden Jahren ein offenes Auge für die Gestaltung und Verschönerung der Stadt. 1841 etwa erhält er auf sein Drängen hin die Erlaubnis, die bisher ungeordneten Grabstätten auf dem damaligen Friedhof in Reihen anzuordnen und Gänge anzulegen. Er setzt die Errichtung eines Kreuzweges auf dem Kalvarienberg durch, arbeitet bei dessen Gestaltung mit und betreibt selbst eine kleine Ökonomie, später sogar eine Ziegelei am Rande der Hagenau. Im Offizierscorps des Bürgermilitärs bekleidet er in der Schrobenhausener Kompanie das Amt eines Oberzeugwarts.

Wie bei allen Lehrern damals reicht sein Gehalt nur für das Allernotwendigste aus und er muss den Magistrat der Stadt immer wieder um eine Erhöhung seines Soldes angehen, um die Lieferung des ihm zustehenden Brennholzes streiten oder in einer 27 Seiten umfassenden Klageschrift die „Fortentrichtung verweigerter Gehaltsbezüge“ fordern.

Privat entwickeln sich die Dinge für ihn recht erfreulich. 1829 erhält dann die Stadt ein Gesuch anderer Art. Ihn ihm bittet er um eine „vorläufige Verehelichungsbewilligung“. Und er hat sich eine gute Partie ausgesucht: es ist Magdalena Frisch, die Tochter des Schrobenhausener Bürgermeisters. Sie hatte sich im selben Jahr zur Industrielehrerin ausbilden lassen. 1830 heiraten beide und Magdalena schenkt ihrem Mann sieben Kinder, von denen jedoch, wie es damals „normal“ war, vier noch im jugendlichen Alter sterben.

1849 trifft Sommer ein schwerer Schicksalsschlag. Seine noch recht junge Frau erkrankt schwer und auch alle drei hinzugezogenen Schrobenhausener Ärzte können sie nicht mehr retten.

Michael Sommer, der der Landwirtschaft immer sehr verbunden war, wird 1861 zum 2. Vorsitzenden des landwirtschaftlichen Bezirksvereins gewählt und baut, zu bescheidenem Wohlstand gekommen, auf seinem Grund in Steingriff am Rande der Hagenau ein Wohnhaus sowie eine Ziegelei. Die kleine Siedlung, die daraus entstand, erinnert heute noch mit ihrem Namen „Sommerau“ an den Gründer.

50 Jahre lang setzt er sich als Lehrer mit voller Kraft für die Bildung und Erziehung der Jugend Schrobenhausens ein und wird für dieses Dienstjubiläum sogar mit der silbernen Medaille des Verdienstordens der bayerischen Krone ausgezeichnet. Auch die Stadt schließt sich den Glückwünschen mit an und überreicht ihm als Zeichen ihrer Anerkennung einen silbernen Pokal.

Doch Michael Sommer ist bereits schwer krank und stirbt acht Monate später, zwei Tage nach seiner offiziellen Pensionierung, am 23. Juni 1867, im 67. Lebensjahr. Sein Grabmal befindet sich auf dem Alten Friedhof Schrobenhausens. Neben der Siedlung Sommerau erinnert auch noch eine Michael-Sommer-Straße an ihn und sein Wirken.

Sein größter Verdienst war seine Einstellung zur Arbeit als Lehrer. Er war nicht lediglich ein Wegweiser, der den Weg nicht selbst geht, den er zeigt, sondern er gab den Schülern Beispiel und Anregung für ein sinnvoll gestaltetes Leben mit Verantwortung für sich und auch andere. Einerseits nicht besonders spektakulär, andererseits aber vielleicht wertvoller als Spektakuläres.

Er hatte keine Aufsehen erregende Karriere in seiner Zeit gemacht, war kein Mächtiger dieser Welt, häufte keine Reichtümer an und Berühmtheit war wohl das Letzte, was er sich erstrebt hatte. Und trotzdem: Blickt man auf sein Leben zurück, so kann man sagen, er hat diese späte Ehrung gerade durch die Art seines Lebens verdient.

Die Michael-Sommer-Volksschule Schrobenhausen trägt seit Beginn des Schuljahres 2003/04 seinen Namen mit Stolz.

 

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